Gedichte von 1975 - 1979

Gedichte von uns

 

aus den 70 ziger Jahren

 

17.Nov.1976
 
 
 
 
 
 
i c h
die k r an k e
 
merke
 
das w i r
nicht
 
miteinander sprechen
 
während
w i r
miteinander r e d e n
 
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4.Aug. 1976
 
 
 
Wer sagte Dir
 
 
 
wer sagte dir wo i c h bin,
habe i c h   denn einen namen
war i c h denn nicht gut versteckt,
in m i r selbst
verkrochen im tiefsten tief,
mit roten narben
waren nicht m e i n e augen versunken
im ertragenen schmerz
 
 
 
WIE FANDST DU DENNOCH meine SPUREN
 
 
mit den augen die tief sehen,
sahst du m i c h
sahst wie m e i n e hände sich
dir entgegen streckte
sahst wie m e i n mund stumm sagte
 
 
HILF mir, bitte,   ich BRAUCHE HILFE
 
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19:Okt.1977
 
 
 
 
A N T W O R T
 
 
die antwort
meine antwort-
ist immer
bei mir
wird immer
da sein
und
doch so
fern
 

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7.April 1977

 
 
 
DIE    WAHL
 
 
 
 
 
JETZT   STELLT   MIR  
DAS   LEBEN   DIE WAHL
 
 
ENTWEDER   MICH   AN  
GESCHENISSEN   ZU   ERINNEREN
 
 
 
 
                                       ODER
 
 
 
SIE    SCHNELLSTENS   
WIEDER    ZU   VERGESSEN
 
 
 
ENTWEDER         
 
 
                                      ODER

 

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19.Jan.1977

 
 
 
                         innere leer
 
 
 
 
mit der zeit
wurde da mal fliehen
ein ständiges fliehen
ein ständiges   raten   suchen   nicht wissen
aus diesem grunde suchte ich nach einer änderung
ich ahnte nicht was dieses gefühl innere leere bedeutet
hätte ich damals gewußt
was ich heute weiß
nämlich das ich diesem
 
ICH
 
dem ich nach lief
das selbe
 
ICH
 
war vor dem ich entfliehen versuchte
dann hätte ich es sein gelassen
 
 
 
UND DOCH
IM GRUNDE MEINES HERZENS
 
GANZ TIEF UNTEN
WUßTE ICH GENAU
 
WAS ICH TAT

 

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28.Feb.1977
 
 
 
 
 
Erinnerungsschichten
 
 
 
 
eine frische
Erinnerung
legt sich auf die alte
Erinnerung
Schicht für Schicht
getrennt durch Gefühle und Schmerz
nur bestehend
in den Träumen
der Nacht
die bei Tagesanbruch
vergessen werden
die wir vergessen
müssen

 

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4 Juni 1977
 
 
 
 
 
 
 
Kind im Dunkel
 
 
 
gib mir deine
kleine hand
 
 
 
so,
nun bist du nicht allein
 
 
kind
du sollst nicht einsam sein
 
mit dem schatten an der wand
 
ach was für ein frommer wunsch 
 
 
von mir

 

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29.März 1977
 
 
 
 
 
Wer erkennt das ich verirrt bin!
 
 
 
 
Wer erkennt das ich verirrt,
daß ich aus meinem sicheren Ort gefallen bin,
daß ich ruhelos suche
und
daß ich ihn nicht wieder finden kann?
 
 
Wer aber wird ihn mir weisen?
 
Die Eltern haben es nicht vermocht.
Wenn ich sehe,
wie blind und stumm sie mir gegenüber sind,
wenn ich bedenke,
daß sie unendlich weit und ohne Hilfe
mich selbst überlassen,
 
komme ich mir vor wie Verirrter
in diesem Weltall.
 
Ohne das ich weiß,
wer mich dorthin gebracht
und
was dort zu tun ist.
 
Noch was mir widerfährt
wenn ich sterbe.
 
Ich hatte den festen Entschluß
gefaßt nicht freiwillig
in den Tod zu gegen,
 
was immer auch geschehen möge.
 
Und wenn ich bedenke
wie unfähig sie sind
irgend etwa wirklich zu wissen,
dann überkommt mich ein Grauen.
 
Wie es einem Menschen überkommen muß,
den man im Schlaf
auf eine öde Insel ausgesetzt hat
und
der erwachend weder weiß wo er ist,
noch wie er fliehen kann.
 
Er ist für immer an dieser Insel gebunden.
 
 
Ich aber habe mich an nichts binden können.
 
Da ich über die
ganze
Vergangenheit
sehen kann

 

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4.Juni 1978
 
 
 
               Bastard
 
 
 
du sagst: ich sei ein Bastard.
          Warum?
                 Du hast mich als niedliches kleines Mädchen gesehen.
          Doch da war ich schon ein Bastart.
 
 
Du sagst: ich tauge nichts.
          Warum?
                  Du hast mich als Kind angenommen.
          Als Kind mit all meinen Fähigkeiten und Fehlern.
 
Du sagst: ich kann nichts.
          Warum?
                  Ich wollte als kleines Kind alles lernen.
           Du hast mir nichts beibringen können.
 
Du sagst: ich sei dumm.
          Warum?
                  Ich als das Kind war noch ein leeres Blatt.
          Du hast mit deinen Maßstäben gemessen.
 
Du sagst: ich tue nichts.
          Warum?
                  Ich war so lebendig als kleines Kind.
          Du hast mir meinen Willen gebrochen.
 
Du sagst: ich kann nichts ohne dich.
          Warum?
                  Ich hatte alle kindliche Neugier in mir.
          Du hast mich so erzogen.
 
 
 
Ich will, das du weißt
         das die Menschen die mich gezeugt haben
         Menschen sind wie alle die Andern auch.
 
Ich will, das du weißt
         das es schwer ist Fähigkeiten zu fördern ist
         und leichter ist für Fehler zu bestrafen.
 
Ich will, das du weißt
         das Können erlernt werden muß und
         das es mit viel Arbeit und Nachsicht geschen muß.
 
Ich will, das du weißt
         das es keine dummen Menschen gibt,
         es wurde ihnen nichts beigebracht.
 
Ich will, das du weißt
         das dass Tun nur mit dem eigenen Willen geht
         und nicht wenn er gebrochen wurde.
 
Ich will, das du weißt,
         das dass allein zurechtkommen du nicht wollest
         und ich es heute schwer erlernen muß.
 

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       9.Mai 1978
 
MILCH - SUPPEN - KRIEG
 
Du bist mein Mann.
Na gut und Du magst Milchsuppe.
Von Dir aus kannst Du immer Milchsuppe essen.
Na gut, aber laß mich damit in ruhe.
Du hast recht das Milchsuppe gesund ist.
 
Für Andere.
 
Aber nicht für mich !
 
Das mit der Milchsuppe wirst Du nicht verstehen.
Glaube ich.
Du kannst sie essen.
Was geht es mich an.
Aber laß mich damit in Ruhe.
 
Ich kann Milchsuppe nicht ausstehen.
Ich kann Milchsuppe nicht richen.
Ich kann Milchsuppe nicht sehen.
Ich kann Milchsuppe auch nicht essen.
 
Und Mutti weiß es.
Sie weiß auch warum.
 
Und sie hat die Milchsuppe trotzdem gekocht, immer wieder und sehr viel.
Und wie ich den Kochtopf hochgefüllt mit Milchsuppe sehe,
schüttete ich ihn in die Toilette.
Sie hat geschimpft,
sie hat sich bei Dir über mich beschwert.
Aber sie hat die Milchsuppe gekocht,
obwohl sie weiß,
das ich den Geruch von Milchsuppe hasse.
Nun wird sie sagen das ich frech und undankbar bin.
Omi wird sagen das sie froh gewesen wären
wenn sie im Krieg so etwas gutes gehabt hätten.
 
Ich bin auch im Krieg !
Im Krieg mit der Vergangenheit !
Mit der Milchsuppe selbst.
Der Geruch.
Das Aussehen.
All das erinnert mich an meiner scheiß Vergangenheit.
 
Du würdest Dich freuen,
wenn Du einmal in der Woche Milchsuppe essen kannst.
 
Aber ich.
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Weißt Du was in mir vorgeht ?
Wirst Du es verstehen ?
Soll ich es Dir erklären ?
 
Der Geruch von Milchsuppe erinnert mich daran :
ich mußte,
ja wohl,
ich mußte,
nicht ich durfte,
ich mußte die Milchsuppe immer essen.
Auch wenn ich die Milchsuppe erbrochen habe.
Ich mußte sie wieder und wieder essen.
Und das Aussehen der Milchsuppe erinnert mich an :
den Alten
was der Alte mit mir gemacht hat.
Wenn er fertig war.
Wenn es auf meinem Bauch lag.
Wenn der Alte es dann aufleckte.
 
 
Du meinst es gehört der Vergangenheit an.
 
Das glaube ich nicht.
 
Es ist nicht so als ob ich immer und zu jeder Zeit daran denke.
Nein das nicht.
Doch diese Milchsuppe,
genau dieser Geruch,
diese Aussehen der Milchsuppe
lassen alles,
aber auch alles wieder lebendig werden.
 
Darum hasse ich Milchsuppe.
Wenn Du sie noch essen willst dann esse sie.
 
Aber nicht wenn ich dabei bin.

 

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 1.Jan.1979 Marburg

 
 
 
 
 
 
 
            kleiner Mund
 
 
kleiner Mund, wenn du mir schon
sagen könntest was du brauchst
  
            für`s Leben
 
 
 
 
 
ich brauche Mut                 bei so vielen Fehlern
ich brauche Vertrauen         bei so vielen Zweifeln
ich brauche Hoffnung           bei so viel Haß
ich brauche Freude              bei so viel Trauer
 
 
ich brauche Liebe             bei so viel Kälte
 
 
würdest du mir das sagen, kleiner Mund
 
 
und ich ?
 
Werde ich dir all das geben für dein leben?

 

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14.Aug.1979 Hallenberg

 
 
 
 
 
                                   Die Spuren
 
 
Was klagst du
               über die spuren deiner Kinder
               über die Striche an der Wand
               über die Löcher im Vorhang
 
Eines Tages
               wirst Du es vermissen und
du suchst nach arbeit
               Wenn du alleine bist
 
 
 
 
 
 
Was stöhnst du
               über zerrissene Kleider
               über den Dreck an ihren Schuhen
               über die Unordnung
 
eines Tages
               ist es Erinnerung
und Du wirst weinen
               wenn du alleine bist
 
 
 
 
 
 
Was schreist du
               wenn sie schreien, deine Kinder
               wenn sie frech sind dich kritisieren
               und dich nicht mögen
 
Eines Tages
               sind sie fort und
du wirst ruhe haben
               die dir angst macht wenn du alle bist

 

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