Gedichte der 1980-1989

 

 

 

 

Gedichte der 1980-1989.

 

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4.Sep.1981
 
 
  
 
Mutter
 
 
 
Mutter:     ein mensch von glühendem haß
            gegenüber dem leben
 
 
Mutter:     all ihr aufgestauter haß
            seht sie um    in
 
 
            verbrennung, misshandlung
             mich in den keller stellen
            meinen kleinen körper schmerz zu fügen
            quällerei meiner kleinen seele
 
 
 
Endlich löse ich die verbindung
 
ich bin sehr müde
 
 schreibe viel

 

und nichts ist geklärt...

 

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1.Nov.1981
 
 
 
 
Original
 
 
oft wenn ich Angstträume in mir sah
war mir als sehe ich das Original
es stand vor mir - schrecklich -
nun weiß ich das es Wahrheit war
 Erschreckend die Erkenntnis
nun weiß ich was in all den Jahren war
in den letzten Monaten durchlebte ich
die damalige schreckliche Zeit
oft schreit mein wundes, einsames Herz
doch heute sehe ich auch diese Monate
als leben und das Leben es ist wunderbar.
 
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4.3.1982
 
 
 
 
 
              Gärtner
 
 
 
Liebe Mutter,
dir wurde mein Körper in die Hände gelegt,
mein neues Leben wurde
dir anvertraut.
Ich wurde geboren
um Mensch zu werden.
Ich wurde geboren
für das Licht,
für die Freude,
um zu lachen,
zu singen,
um zu leben in Liebe.
Ich wurde geschaffen
mit Händen
um zu geben,
mit meinen Herzen
um zu lieben
und
mit zwei Armen
um dich zu umarmen.
 
Du
hättest Gärtner sein können
in meinem
unberührten Leben,
in dem schöne Blumen
für dich gratis blühten.
 
Aber du hast deine Hände zu Greifern gemacht,
deine Arme wie Kranken und
dein Mund zu einem Meer des Schreckens,
damit dein Wort über alles steht,
zu deinen Lob und Preis.
Jeder Anschlag auf mein Leben war ein Anschlag auf dich selbst.
Du hast mein neues Leben versucht umzubringen,
doch zu erst hast du dich selbst umgebracht.
 
Und du bist schon lange erfroren,
je länger du in der Kälte stehst,
ja unmöglicher ist es auf zu tauen.
Deine Augen des Herzens sind zu gefroren
sehen nicht das Wunder des Lebens.
Und das Schlimmste.
 
Du merkst nichts vom eingefroren sein...

 

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8.April 1982
 
 
 
 
                                a l l e i n
 
 
 
mein Herz schreit auf
                   ich bin noch wach
                  weine in die lange nacht
 
 
die Vergangenheit hält mich
                  wieder ein mal
                   bin allein so ganz allein
 
 
der Schmerz hat mich
                    erschreckt
                    der tief in mir ist
 
 
 
 
 
ich kann nicht ruhn
                              es schmerzt
                                                 der Schmerz
 
ich bin noch wach
                             es schreit
                                            mein Herz

 

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9 Juni 1982
 
 
 
 
  
                                 die Nachbarn
 
 
 
 
 
SIE         haben einen Mund und reden                    nichts
 
SIE          haben zwei Augen und sehen                    nichts
 
SIE          haben zwei Ohren und hören                    nichts
 
SIE          haben zwei Hände und helfen                   nichts
 
 
 
 
SIE           sprechen     nicht     mit     dem     Herzen
 
SIE            sehen         nicht      mit     dem     Herzen
 
SIE            hören         nicht     mit     dem      Herzen
 
 
 
 
 
SIE
          LASSEN
                               DAS
                                               hilflose
                                                                     KIND
       
 
 
 
 ALLEIN  
 
 
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19 Juli 1982 Münster
                                                                              
 
 
 
 
 
                                       v i e r
 
 
 
es wohnten vier in meinem körper
 
das böse, das kind, die angst, das ach
 
und wollt von draußen jemand helfen
 
so stießen das Böse und die Angst es hinaus

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8.Okt.1982  Steinebach

 
 
 
 
            für Göran
 
 
 
schön
sehr schön
 
Deine Stimme
 
durch das
Telefon
zu hören
 
dadurch
spüre ich
unsere Freundschaft
 
die uns
verbindet
schon Jahre
 
lang
die Wärme
Deiner Stimme
 
an mein Ohr
zu spüren
den Klang
 
Deiner Worte
zu lauschen
läßt mich
 
Wärme spüren
 
danke
 
für die Zeit
des Telefongespräches

 

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30. Nov.1982    Steinebach

 
 
 
 
 
            das Erstemal
  
 
 
Ach   als ich das erstemal starb,
 
nich weiß genau wo und wann -
 
starb so ganz für mich allein
im Keller, ich war drei.
 
Als ich das zweite mal starb
ach das sterben tat mir weh
gar wenig blieb von mir
 
verpackt im Körper, keine Tür
die Blut und Tränenspur getrocknet
doch als ich sollte zum dritten mal sterben
 
da hat es nicht mehr geschmerzt
 
Doch ich      ich wollte leben
stürzte die Andern in den Todesschmerz
 
Nun sterbe   ich   nicht   mehr.

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09.März 1983 Giessen
 
 
 
                           T ü r
 
Bitte, bitte laßt die Tür auf!
Verschlossene Türen sind schlimm
sie sperren mich aus
ausgesperrt sein vom Leben.
 
Wenn sie zu ist
dann bin ich
im Krankenzimmer
noch mehr eingesperrt.
 
Genügt es Euch Ärzte nicht
mich ans Bett zu fesseln?
Muß es auch noch im Zimmer sein?
 
 
Bitte, bitte laßt die Tür auf!
Draußen kann ich Besucher sehn
mit Blumen.
Nein, nicht für mich.
 
Doch der Anblick der Blumen genügt
um zu träumen.
Ja, mit offenen Augen zu träumen.
 
Nein, nicht um Sehnsucht zu bekommen.
Ich weiß, meine Zeit ist abgelaufen.
Abgelaufen?
Bin ich wirklich mit dreißig soviel gelaufen?
 
 
Bitte, bitte laßt die Tür auf!
Allein mit mir im Zimmer,
das ist schlimm.
Das bedeutet Angst für mich.
 
Nicht einmal meinen Herzschlag kann ich hören,
er wird von den Apparatengeräuschen übertönt.
Die geschlossene Tür, sie sperrt die Geräusche aus.
Ihr sagt Lärm, für mich ist es Leben.
 
 
Bitte, bitte laßt die Tür auf!
Ihr wollt die Anderen vor mir schützen?
Ja, aber was kann ich denen tun?
 
Die Hand nach ihnen ausstrecken
geht wegen dem Tropf nicht.
Sprechen mit denen kann ich auch nicht
die Schläuche der Beatmungsmaschiene hindern mich zu rufen.
 
Und meine Gedanken          erreichen sie nicht
 
 
Bitte, bitte laßt die Tür auf!
 
Nein?              Warum?
 
Ach so, ihr wollt den Menschen
meinen Anblick ersparen!
 
Ach so, ich bin keine mehr von Euch!
 
Bitte, bitte schließt die Tür!
 
Und stellt die Apparate ab!
 
 
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30.06. 1983 Giessen
                                                                                        
 
 
                                               
bitte keine Blumen
 
 
 
 
ich bin geboren
                             wie eine Blume
doch hat man mich
                             so beschnitten
mit Misshandlung
                             Missbrauch
                             und angst
das ich nie
                             zu voller Blühte kam
nun welke ich dahin
 
 
 
doch zum schluß
                            
                             D I E     B I T T E
 
legt mir auf meinem Grab
                             keine Blumen
 
 
 
 
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06. Juni 1983 Hiltrup
                                                                                        
 
 
 
 
              IHR seht
 
 
 
 
Ihr seht mich an, ich frag mich was seht ihr wirklich
Ihr macht mich auf meine schon ergrauten Haare aufmerksam
Ihr meint das ich oft zu traurig schau.
 
Ihr seht und meint sehr viel das ihr entdeckt
              doch den stummen Schrei
              die ungeweinten Tränen
              die große Einsamkeit
              die große Sehnsucht nach Geborgenheit
das A L L E S
                       seht ihr nicht
 
 
und ich
werde die Maske weitertragen
 
 
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14.06. 1983 Hiltrup
                                                                                         
 
 
 
 
                                     
 L Ä H M E N D E       A N G S T
 
 
 
 
         angst,                                         angst,
die lähmende angst                            die alles verpackende angst
hat auf gehört                                       öffnet sich
mich zu lähmende                                jetzt
 
 
 
 
         angst,                                           angst,
 von der erinnerungsflut                        mit dem was jetzt
fortgespült                                              hochkommt
zu werden                                              leben zu müssen
 
 
 
                                                 angst,
                                            alles wieder
                                            einzupacken
                                                 und
                                            so weiter zu leben
 
 
 
 
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ende 1985 Steinebach
 
 
 
 
die Einsamkeit                             meiner Träume
in dieser Nacht                             so voller Nacht
verscheuchen                               verscheuchen
 
 
 
 
meine Angst                                   meine Hände
von der Vergangenheit                  unruhig suchend
nehmen                                            nehmen
 
 
meinen Kopf                                    meinen Körper
schwer vom Wissen                        im Schmerz verkrampft
halten                                                halten
 
 
 
 
                                           beim letzten
                                              Atemzug
                                               da sein
 
 
 
 
                                           w   e   r    ? ? ?
 
               
                                                                       
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                    für Lev
 
 
 
 
ich habe Lebensangst
angst um die Kinder
und da wo ich deine hilfe
deinen halt erhoffe
greife ich ins leere
ich müßte viele
viele schritte gehen
bevor ich dich
erreichen würde
und ich bin
zu müde geworden
um deinen panzer
zu öffnen
so sage ich zu mir
wissend das ich mich selbst belüge
einander mal
bis dahin
ängstige ich mich allein
und vereinsame
 
 
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Mai 1985 Giessen Krankenhaus
                                                                                        
 
 
 
 
 
ich bin das weinende Kind
und bin die alte Frau
die die Stöcker braucht
und auch das Mädchen
bin ich noch
das nur missbraucht
und sterben wollte
weil alles alles schmerzt
die junge Frau
die schwanger dem Tode
näher als dem Leben wart
die war ich auch
der Mensch der nichts mehr wollte
als Leben
einmal trunken sein vor Liebesglück
die den Geliebten noch nicht fand
ich bin die Kranke
die nur noch weint
nicht um verlorenes
nein
um nie gefundenes
und die Zeit
sie rennt davon
die Tote
bin ich auch
 
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16 Juli 1985 beim Frühstück
 
 
 
 
 
 
        Geliebter
 
 
Du sagst zu mir
ich bin also dein Geliebter
an dem Tee den ich gerade trinke
schwarz mit Zucker
so wie ich ihn mag
verschlucke ich mich fasst
 
das Wort      Geliebter
       so frei, so selbst verständlich
       von Dir ausgesprochen
       macht mir plötzlich
       deutlich
        wo ich mich befinde
        erschreckend und glücklich
        beides zu gleich
        freue ich mich
auf unsere Zeit
 
 
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04 Aug1985 Steinebach
                                                                                           
 
 
 
 
 
Kampf
 
             Mein Leben besteht aus Kampf
 
als Ungeborenes mußte ich mich schon behaupten
dann verstummen um zu überleben
Schreien bedeutet Kampf
Kampf heißt Keller
Keller heißt sterben
 
Als Frau kämpfte ich wieder
um die Liebe meines Mannes
Mann bedeutet Kind
Kind bedeutet Geburt
Geburt bedeutet Kampf
Geburtskampf was ich als Kind
oft erleben mußte
 
Die zweite Schwangerschaft
verlief dramatisch
das Lächeln des Mädchens versöhnte
glücklich ist Zufriedenheit
Zufriedenheit ist Familie
Familie ist Geborgenheit
bis die Ärzte mir sagen
ein bis zwei Jahre noch
 
Leben ist Kampf
Kampf bedeutet Tot
Tot heißt Aus
 
 
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01.Dez.1985
                                                                                                  
 
 
 
 
 
 
   wir reden
 
wir reden nur noch
aneinander vorbei
 
wir reden uns
weiter weg
 
wann schweigen
wir uns
 
wieder zusammen
 
 
 
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06. Jan. 1986
 
 
 
 
 
unförmig werden
 
 
wie alle Rückzugsmöglichkeiten
und
Fluchtwege
zur Sackgasse
wurden,
blieb mir
als letzter Ausweg
nur ein Rückzug
in mir selbst.
Mein
Ich und
mein Körper
sind nicht mehr identisch.
Mein Ich
zieht sich
so weit zurück
das der
äußerliche Missbrauch
des fremd
gewordenen Körpers
nicht mehr schmerzt.
Dieser
Abwehrmechanismus
ist mir so
zur zweiten Natur geworden,
das ich
bis heute
nicht zu
 tiefen Gefühlen
fähig bin.
Und
meine Gefühle
zu mir
selbst
und
zu Anderen
 verloren habe
 
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Juli. 1986 Steinebach
 
 
 
 
                                                                                         
 
 
 
    W   I   R
 
 
 
 
wir küssen
                 die zeit
                            weg
 
 
deine knospe
                     springt auf
                                      es wird frühling
 
 
wir locken
                 den sommer
                                    mit zärtlichkeit
 
 
deine knospe
                    sucht meine wärme taucht
                              ein in meine hitze
 
 
wir feiern
               einen mittellangen sommer
                         und einen warmen herbst
 
 
wir lassen uns
                      in das gefühl
                                          der müdigkeit ziehen
 
 
 
 
 
 
  
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Dez. 1986 Steinebach
 
 
 
 
 
für meinen Ehemann
 
 
 
komm zu Bett
                       ich biete dir Liebe
 
 
komm zu Bett
                      in dieser Nacht
                                              biete ich dir Liebe
 
 
komm zu Bett
                      in dieser Nacht
                                              Ehemann was willst du
                      ich liebe Dich
 
 
 
und Du
        Du bleibst
              da wo
                   Du sicher
                         bist...
 
 
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18. Nov. 1987 Casa Alta
 
 
 
 
 
 
Anfang ohne Ende
 
 
 
 
Wenn    wir   uns
nur   immer
so   treffen   könnten
mein   Geliebter
wie   der   Tag   zur    Nacht
wie   die    Nacht   zum    Tag
ohne    Anfang    ohne    Ende
 
 
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12 Dez. 1987 Steinebach
 
 
 
 
 
             für J
 
 
 
 
 
die Liebe
sucht dich
                   Geliebter
Öffne dich
laß dich
finden
 
 
Abend kommt
Sonne geht
Sehnsucht bleibt
Licht
in der Ferne
Leben
im Schatten
Warten
auf morgen
Abend    kommt
Sonne    geht
 
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15. Juni 1987 Steinebach
                                                                                         
 
 
 
 
An J. nicht überbewerten
 
 
 
 
Du bist mein Traum
      meine große Liebe
Du bist in meine Sehnsucht
      auch in meinem Herzen
      meine große Liebe:
      J
 
 
Ich lausche Deinen Worten
      meine große Liebe
Ich fühle Deine Trauer
      höre Dein Lachen
      meine große Liebe:
      J
 
 
Wir neigen unsere Augen
       meine große Liebe
Wir sehen unseren Abschied
       lächeln hinter her
       meine große Liebe:
       J
 
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